Tierarztpraxis E.Schulze

Zusatzbezeichnung AKUPUNKTUR

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Goldimplantate in der Schmerztherapie - Ein Rückblick auf eine einjährige Anwendung

Zeitschrift für Ganzheitliche Tiermedizin 1998; 12: 103 - 105

Sonntag-Verlag GmbH, Stuttgart 1998

 

 

 

 

Zusammenfassung:

Nach dem ersten Jahr der Anwendung in eigener Praxis hat sich herausgestellt, dass die Implantation von Gold in  bestimmte Akupunktur-Punkte eine hervorragende Methode ist, die Beschwerden aufgrund von Arthrosen zu lindern oder zu beseitigen. Am Beispiel der Coxarthrose infolge von Hüftgelenksdysplasie wird das Vorgehen geschildert. Bei über 90% der behandelten Hunde konnten die Schmerzen gänzlich eliminiert werden, lediglich in 2 Fällen von 87 brachte die Goldakupunktur keine Verbesserung der Beschwerden.

Die Erklärungsversuche für die Wirksamkeit bedürfen noch einer genaueren biochemischen bzw. biophysikalischen Analyse.

 

Hüftgelenksdysplasie (HD) und daraus resultierende Arthrosen sind in der Kleintierpraxis häufig. Sehr oft ist der Ersatz des dysplastischen Gelenkes durch ein künstliches Hüftgelenk nicht möglich, so dass jede Therapie darauf abzielen muss, dem Tier die Schmerzen zu nehmen und gleichzeitig die Beweglichkeit des Gelenkes zu verbessern. Die palliative schulmedizinische Palette reicht hier von der Verabreichung von Steroiden, nicht-steroidalen Antiphlogistika, Analgetika bis zu operativen Verfahren wie Pectineus-Resektion, Neurotomie oder Femurkopfresektion.

In den frühen 70er Jahren begann Dr. Grady Young mit der Implantation von Goldstücken in bestimmte Akupunktur-Punkte, um einen Dauerreiz darauf auszuüben. Der eigentliche Pionier dieser Methode ist jedoch Dr. T.E.Durkes (1). Verbreitung in Europa erfuhr sie v.a. durch den Dänen Dr. Jens Klitsgaard, der sie - modifiziert - seit 1989 anwendet.

Während des „22nd Annual International Congress on Veterinary Acupuncture“ in Spiez/CH im September 1996 erläuterte er seine Vorgehensweise und diskutierte die Ergebnisse von 400 Fällen (2). Diese waren so beeindruckend, dass auch ich – bei gehöriger Skepsis – den Einstieg in eine für mich völlig neue Methode wagen wollte.

Schon kurze Zeit später wurde mir der DSH-Rüde „Basko“, 18 Monate alt, mit schwerster HD und dadurch bedingten Coxarthrosen vorgestellt, mit der Bitte, den Hund zu euthanasieren. Er könne nur unter größten Schmerzen aufstehen oder sich hinlegen, liefe freiwillig nicht mehr als 20 Meter, jeden Sprung würde er ängstlich vermeiden.

Von mehreren Kollegen war der Hund mit diversen Medikamenten vorbehandelt, ohne dass eine Linderung des Leidens zu erreichen gewesen wäre.

Als ich den Besitzern von den Goldimplantaten berichtete, waren auch sie sehr skeptisch, wollten aber diesen allerletzten Versuch wagen.

 

 

Material und Methode

Von einem ortsansässigen Juwelier kaufte ich ein Stück Golddraht von 24 Karat und 1mm Durchmesser. Diesen Draht kürzte ich mit einer Zange in Stücke einer Länge von ca. 2 bis 3 mm. Anschließend füllte ich die Stücke in ein verschließbares Glasröhrchen und schüttelte dieses, um – wie Klitsgaard es empfohlen hatte – die Schnittkanten des Drahtes etwas abzuglätten. Danach wurden sie wie üblich autoklaviert.

                 Während Klitsgaard nun die Hunde mit „Propofol“ prämediziert und anschließend eine Halothan/O2/NO2-Intubationsnarkose durchführt, vereinfachte ich – auch aus Kostengründen für den Besitzer – das Verfahren: Der Rüde erhielt lediglich eine Injektion von 80µg/kg Medetomidin (Domitor), weil auch dieses neben der erforderlichen Sedierung eine ausreichende Analgesie bewirkt. Anschließend wurde in  der Seitenlage das Gebiet um den Trochanter major in üblicher Weise für eine Operation vorbereitet und der Hund auf den Röntgentisch gelegt.

                 In die Akupunktur-Punkte Gb 29, Gb 30 und Bl 54 (IVAS-Nomenklatur) platzierte ich nun jeweils eine 14-G-Kanüle entsprechender Länge. Nachdem eine latero-laterale Röntgenaufnahme des Hüftgelenkes den richtigen Sitz der Kanülen bestätigt hatte, brachte ich durch diese Kanülen jeweils drei Drahtstückchen mittels eines selbstgefertigten Mandrins in die Tiefe.

                 Auf der kontralateralen Seite verfuhr ich ebenso (s. Abb. 1). Abschließend fertigte ich eine Röntgenaufnahme im üblichen ventro-dorsalen Strahlengang an, um zu überprüfen, dass die Golddrähte zwar möglichst nahe an der Gelenkkapsel liegen, diese jedoch nicht penetrieren (s. Abb. 2).

                 Eine weitere Nachbehandlung (z.B. eine Antibiose) erfolgte nicht.

                 Die Besitzer des Hundes wurden dringend gebeten, mir jede Veränderung im Verhalten des Hundes sofort telefonisch mitzuteilen.

          

 

 

 

 

 

 

 


Zu meiner größten Überraschung riefen sie schon am nächsten Tag an, sie hätten den Eindruck, dass „Basko“ „lebenslustiger“ geworden sei; an den Beschwerden hatte sich jedoch nichts geändert. Am 5.Tag nach dem Eingriff teilten sie mir voller Begeisterung mit, dass „Basko“ freiwillig über einen Zaun von ca. 1 Meter Höhe gesprungen sei, um ein Kaninchen zu jagen. Der Rüde zeigte sich absolut beschwerdefrei.

                 Nach diesem auch für mich völlig überraschenden Therapieerfolg behandelte ich im ersten Jahr insgesamt 100 Fälle von Arthrosen – auch an anderen Gelenken. Die Hunde waren 1 und 14 Jahre alt und 2,3kg (Yorkshire-Terrier) und 70kg (Leonberger) schwer. Alle Hunde wiesen Lahmheiten der Grade III oder IV nach Brunnberg auf, d.h. die Gliedmassen wurden gar nicht oder nur ab und zu belastet, eine passive Bewegung provozierte deutliche Schmerz- und Abwehr-Reaktionen.

                 Von den Besitzern der Hunde sollte das Ergebnis in eine der folgenden Kategorien eingeteilt werden (s. Tab. 1)

 

                

 

 

 

 

 

 

 

Ergebnisse

Im zurückliegenden Jahr behandelte ich insgesamt 100 Fälle, und zwar 68 Coxarthrosen, 12 Gonarthrosen, 10 Arthrosen des Ellenbogengelenkes, 2 Arthrosen des Schultergelenkes, 1 Arthrose des Sprunggelenkes und 7 Hunde mit Spondylose der Wirbelsäule. Von 13 Hunden fehlen zwar noch die Rückmeldungen der Besitzer, aber meine Ergebnisse sind mit denen Klitsgaards durchaus vergleichbar (Tab. 2)

 

 

                 Leider wurden nicht alle Ergebnisse innerhalb weniger Tage erzielt wie bei „Basko“; dies war nur bei 70 Hunden der Fall (ca. 80%), weitere 9 Hunde (ca. 10%) brauchten drei Wochen, die restlichen bis zu drei Monate. Das Ergebnis, das nach 3 Monaten erzielt wurde, änderte sich nicht mehr entscheidend.

                 Bisher traten in meiner Praxis bei keinem Hund rezidivierende Beschwerden auf. Klitsgaard behauptet nach inzwischen 8jähriger Anwendung, dass die Goldimplantate ein Hundeleben lang wirken. Bedenkt man, dass von 87 sehr schmerzhaft erkrankten Fällen 81 (= > 93%) völlig ohne Medikamente ein normales, schmerzfreies Leben führen können, kann man ermessen, was diese Methode zu leisten vermag.

 

 

Diskussion

Die Hundebesitzer fragen selbstverständlich nach, wie diese Ergebnisse zu erklären sind.

                 Dazu erklären Durkes und Klitsgaard: Erkrankungen, bei denen die Goldakupunktur helfen kann, zeichnen sich durch ihren chronischen Charakter aus; die betroffenen Gelenke zeigen eine ausgeprägte elektrisch negative Ladung verbunden mit einer Alkalose. In dem Masse, wie sich die Fläche mit der negativen Ladung vergrößert  und damit auch die Alkalose, verschlimmern sich die Beschwerden für den Hund.

                 Der Körper versucht nun, diese negativen Ladungen zu neutralisieren, indem er Na+ , Ca 2+- und H+-Ionen anlagert. Dies erklärt, warum sich eigentlich alle Arthrosen im Laufe des Lebens verschlimmern. Gleichzeitig wird klar, warum bei jungen Hunden mit dysplastischen Gelenken der Schmerz im Vordergrund steht, z.T. ohne gravierende osteophytische Prozesse im Röntgenbild, und umgekehrt, warum bei älteren Tieren mit ausgeprägten Arthrosen die Schmerzen erst ab einer gewissen Bewegung auftreten.

                 Das Gold soll nun in der Lage sein, die Alkalose ebenfalls zu neutralisieren und zu vermindern. Dieser Mechanismus wird jedoch nicht erklärt, zumal das Gold, nach Aussagen der Autoren, auch noch nach Jahren völlig unverändert an der ursprünglichen Stelle liegt.

                 Will man sich dem Goldphänomen über die Wirkungsweise der Akupunktur nähern („Gate-Control-Theorie“, „Deszendierende Hemmung“, „Sympathikus-Wirkung“, „segmentale Wirkung“ nach Head/McKenzie oder „neurohumorale Theorie“), werden ebenfalls die Wirkungen nicht völlig erklärbar.

                 Im Gegensatz zu Durkes behauptet Kiltsgaard nicht, dass das genaue Treffen der Akupunktur-Punkte die „Conditio sine qua non“ für die erfolgreiche Therapie sei. Er behandelte vielmehr häufig Gelenke, die derart mit Synovia gefüllt waren, dass ein Erreichen der Punkte unmöglich war. Er platzierte das Gold daher lediglich möglichst nah an die Punkte und hatte dennoch Erfolg.

                 Ich selbst kann dies mit meinen noch relativ wenigen Fällen nur bestätigen, habe allerdings den Eindruck, dass sich der Erfolg um so schneller – aber nicht um so ausgeprägter – einstellt, je genauer die Punkte getroffen werden.

                 Leider habe auch ich in der Literatur keine genauere stichhaltige naturwissenschaftliche Theorie gefunden, die erklärt, warum die Goldimplantate wirken. Für etwaige Anregungen wäre ich sehr dankbar. Mit Sicherheit handelt es sich auch um biochemische und biophysikalische Wirkungen – eine Auffassung, die auch Klitsgaard vertritt.

 

 

 

An dieser Stelle sollen aber auch die Risiken nicht verschwiegen werden:

 

Falls auch nur ein Goldstückchen intrakapsulär platziert wird, führt dies zu heftigen Schmerzen, und es muss sofort wieder entfernt werden. Dies wäre nach Klitsgaard ohne eine Femurkopfresektion kaum möglich.

Bei der Nadelung des Punktes Bl 54 ist streng darauf zu achten, den Ischias-Nerv nicht durch die Kanüle oder das Gold zu irritieren, was ebenfalls zu starken Schmerzen führen würde. Allerdings berichtet er von keinem einzigen Fall in seiner Praxis, und auch bei mir ist beides noch nicht vorgekommen.

Auftretende Blutungen durch die Kanülen waren in meiner Praxis selten, immer venös und sistierten ohne Behandlung sehr rasch.

Blutungen müssen erst gestillt werden, bevor in der Methode weitergemacht werden darf. Klitsgaard empfiehlt: die Kanüle danach in einer kleinen Entfernung neu platzieren.

 

 

Bei allen großartigen Erfolgen, die durch die Goldimplantate erzielt werden können, muss man sich immer darüber im klaren sein, dass der Hund „lediglich“ schmerzfrei gemacht und so sein Leben lebenswerter wird; er bleibt aber nach wie vor ein Hund mit Hüftgelenksdysplasie und sollte deshalb nicht zur Zucht benutzt werden.

                 Goldimplantate sind eine sehr wirksame Methode, die Beschwerden zu behandeln, sie sind keine Methode, arthrotische Gelenke zu heilen.

                 Klitsgaard schloss seinen Vortrag mit einem Satz, den auch ich nach einjähriger Anwendung unterschreiben kann

 

„During my carrier as a veterinarian, I have never received so much positive response on a single operation, as I have got on the goldbead implantations. The dogs are happy, the owners are happy – that makes me happy.”

 

Die von mir bisher durchgeführten anderen Anwendungen der Goldakupunktur (Knie, Sprunggelenk, Schulter, Ellenbogen und Wirbelsäule) weichen in der Technik von der Behandlung der Coxarthrose doch z.T. erheblich ab, so dass sie in einem anderen Artikel vorgestellt werden.

 

 

 

Literatur

Durkes, T.E: Gold Bead Implants. In: Schoen, A. (Hrsg.): Veterinary Acupuncture.Ancient Art to Modern Medicine.                    Mosby-Verlag, USA 1994: 285-290.

Klitsgaard, J.: Goldimplants, practical experiences with 400 hipdysplasia cases in the dog. In: IVAS (Hrsg): Proceedings of the                  Twenty-Second Annual International Congress on Veterinary Acupuncture, 5-8th September 1996, Spiez, Switzerland.